Quelle: Tygodnik Powszechny. Krakau, Polen, Nr. 13/2005
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"Warum schreibt Ihr solche Sachen?!" wurden wir letzten Donnerstag, den 17. März, von verschiedenen Freunden aus der Ukraine gefragt. Das Telefon klingelte seit dem frühen Morgen, stündlich kamen weitere Anrufe, denn man hatte im russischen Internet einen Artikel gelesen, der angeblich aus dem "TP" stammte. Er trug unser Logo und gab sogar das Datum an, an dem er angeblich erschienen sein sollte. Der Autor des Textes war Marian Kałuski. Der Titel klang wie ein Aufruf: "Über die Ukraine - mal ganz offen."
Wir sind der Sache nachgegangen. In der Tat, auf der Hauptseite des Internetportals www.inosmi.ru fand sich unter dem Logo des "TP" eine Fotomontage - ein ungewöhnlich unvorteilhaftes Bild des durch Dioxin verunstalteten Gesichts von Wiktor Juschenko, im Hintergrund der polnische Adler. Der zugehörige Text enthielt solche Thesen wie "Polen sollte alles tun, um eine Teilung der Ukraine zu fördern".
InoSMI ist ein bedeutendes und wichtiges Internetportal, außerordentlich häufig besucht von Russen, Ukrainern und Weißrussen, die sich mit Internetausgaben der ausländischen Presse und der Übersetzung der entsprechenden Artikel ins Russische befassen. Viele Menschen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion benutzen dieses Portal.
Warum hat jemand hier derartig manipuliert? Und war das ein Zufall?
Wir haben die Moskauer Redaktion von InoSMI angerufen. Wurden von einem zum nächsten weiterverbunden, versuchten die verschiedenen Gesprächspartner davon zu überzeugen, daß ein solcher Artikel niemals im "Tygodnik" erschienen sei. Daß also jemand diesen Text "eingeschmuggelt" hat, der allenfalls als Stimme eines Internet-Users im Forum Portal Onet.pl erschienen sein könnte (mit dem der "Tygodnik" seit einigen Jahren zusammenarbeitet). Natürlich sind Kommentare von Internetnutzern, die zu verschiedenen Artikeln erscheinen, nicht die Stimme unserer Zeitschrift. Das Forum bietet einen Meinungsaustausch, bei den dort veröffentlichten Kommentaren handelt es sich um die Privatmeinungen der betreffenden Internetnutzer.
Trotz verschiedenster Telefonate beharrten die Russen am anderen Ende der Leitung darauf, daß sie das Recht dazu hätten, einen solchen Text als unsere Veröffentlichung auszugeben und daß sie nicht gewillt seien, das Logo des "TP" zu entfernen. Obwohl - wie wir wiederholt dargelegt haben - diese Zusammenfügung von Text und Logo eine Manipulation und eine Desinformation darstelle. Erst gegen Abend, nachdem wir unsere Forderungen wiederholt und nachdrücklich vorgebracht hatten, entfernte InoSMI das Logo des "Tygodnik". Aber vielleicht auch erst auf Grund der energischen und wiederholten Anrufe von Kollegen aus anderen polnischen und ukrainischen Medien. Aber die Fotomontage und der Text selbst blieben, wie sie waren, lediglich ... mit einem anderen Logo: jetzt wurde als Quelle das Portal Wirtualna Polonia angegeben, das vor allem ultrarechte Texte veröffentlicht.
Der Text von Kałuski gelangte nicht zufällig ins Portal InoSMI: es handelte sich vielmehr um eine Angelegenheit des russischen Außenministeriums. Irgendjemand aus diesem Ministerium ließ ihn der Redaktion des InoSMI zukommen und gab ihn als Material vom "TP" aus. Dies gab jedenfalls der Chefredakteur des russischen Portals letztendlich ganz offen in einem Gespräch mit der "Gazeta Wyborcza" am 18. März zu. Er wollte aber nicht sagen, wer.
Nachdem nun bekannt war, daß das russische Außenministerium die Quelle dieser Desinformation war, wäre es vielleicht angebracht gewesen, daß sich das Polnische Außenministerium der Sache angenommen und zumindest die russische Seite um eine Erklärung gebeten hätte? Schließlich handelte es sich ja um eine gezielte, rufschädigende Aktion gegen polnische Bürger und eine polnische Zeitung.
Zumal der gefälschte Text aus dem russischen Außenministerium bis heute im Internet verbreitet wird und von der russischen und ukrainischen Presse (z.B. von der Wochenzeitschrift "Postup" in Lwow) als angebliches Material aus dem "Tygodnik" nachgedruckt wird.
InoSMI gehört zum Internetportal strana.ru, das sich auf tendenziöse Informationen spezialisiert hat. Dies verriet uns (anonym) ein polnischer Politologe, der sich beruflich mit dem gegenwärtigen Rußland befasst. "Und das, was Euch hier passiert, ist ein Symptom der Verschlechterung der polnisch-russischen Beziehungen, die sich seit dem letzten Sommer abzeichnet."
Anfangs nur in Provinblättern, aber dann nach und nach auch in den bedeutenderen Zeitungen erscheinen Artikel, in denen über Polen abfällig berichtet wurde, erfuhren wir von unserem Spezialisten. Und so etwas ist kein Zufall, denn die Pressepolitik in Rußland folgt der politischen Linie des Kreml. Zum Tätigkeitsbereich dieser Politik gehört auch das Internet.
Zur Verschärfung der Beziehungen zwischen Polen und Rußland kam es während der "orangenen" Revolution. Am Sieg der Demokratie waren nicht nur polnische Politiker, sondern auch die polnischen Medien beteiligt. - "Dieser Angriff auf den "Tygodnik" kann ebenso wie vergleichbare Vorstöße als Rache für die Unterstützung der ukrainischen Revolution gewertet werden" - urteilt der polnische Russland-Experte. - Das zeigt ganz deutlich, daß die polnischen Medien observiert werden. Der "Tygodnik" wird aufmerksam gelesen, und die Tatsache, daß er in der Ukraine ausgezeichnet wurde, hat man in Moskau durchaus zur Kenntnis genommen.
In der Tat, am 1. März 2005 wurde der "Tygodnik", der seit Jahren für die Förderung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine eintritt und sich in den letzten Monaten besonders durch seine Berichterstattung über die "orangene" Revolution hervorgetan hat, mit dem ukrainischen Publizistenspreis "Goldene Feder" ausgezeichnet. Artikel aus dem "TP" wurden häufig übersetzt und von den russischsprachigen Medien gern zitiert. Auch das Portal InoSMI brachte schon früher Übersetzungen unserer Beiträge.
Was war wohl das Ziel dieser jetzigen Desinformation, dieses Angriffs auf den "TP"? Die Methoden, die man bei dieser Operation anwandte, waren primitiv. Schließlich kann man im Zeitalter von Internet und elektronischer Post solche Desinformationen schnell aufdecken und dann gegensteuern, z.B. indem man andere Medien davon in Kenntnis setzt, in Polen, in der Ukraine und in Rußland. Was wir getan haben.
Aber am Freitag, den 18. März, als wir diese Ausgabe des "Tygodnik" abschließen wollten und gleichzeitig versucht haben, gegen die russische Fälschung vorzugehen, - wir haben telefoniert und e-mails mit Dementis an die Medien in der Ukraine und Rußland geschickt - brach plötzlich unser Netz zusammen. Informatiker bestätigten uns, daß es zu einem massenhaften Angriff von Hackern und Viren auf unsere Server gekommen sei. Nur dadurch, daß nun das innere Netz der Redaktion ganz schnell von der "Außenwelt" abgehängt wurde, ist es uns gelungen, einen Schaden in unserem IT-System zu verhindern. Nach einigen Stunden hörte der "Angriff" auf und es gelang den Informatikern, die elektronische Kommunikation wieder in Gang zu setzen.
Waren die Vorkommnisse vom Donnerstag, dann vom Freitag, völlig zufällig? Wir haben keine hundertprozentige Antwort darauf - die Quelle des "Angriffs" ließ sich nicht lokalisieren. Es bleiben jedoch Fragen und Hypothesen, die wir allein nicht in der Lage sind, zu beantworten resp. zu verifizieren.
Nach Meinung polnischer Rußlandspezialisten ist es möglich, daß dies ein klassisches Beispiel für einen network-Krieg, einen "Krieg im Netz", war. Mit anderen Worten, ein "elektronischer Angriff" auf unser Kommunikationssystem (ohne das keine Zeitung arbeiten kann). Aber vielleicht nicht direkt ein Angriff als vielmehr eine Warnung, denn wenn es ein richtiger Angriff auf den "Tygodnik" gewesen wäre, würde es unser Komputernetz schon gar nicht mehr geben.
Vielleicht ging es auch nur darum - diese Meinung vertreten unsere Gesprächspartner - zu sondieren und festzustellen, wie schnell wir reagieren. Auf diese Art und Weise könnten die russischen Sicherheitsdienste an uns die Methode "Krieg im Netz" testen, zum erstenmal in Polen, ein Verfahren, das sie seit schon seit langem auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion anwenden, wo das Internet eine ungeheure Rolle als praktisch einzig frei zugängliches Medium spielt, daß keiner Kontrolle der autoritären Regierung unterliegt. Und eine solche Rolle hat das Internet auch im Verlaufe den friedlichen Revolutionen in Georgien und in der Ukraine gespielt und derzeit in Weißrußland.
Von der gleichen Quelle wird behauptet, daß sich mindestens einige Dutzend russische Geheimdienstmitarbeiter in Polen aufhalten, die die verschiedensten Untersuchungsbereiche über das polnische Internet bearbeiten. Diese Leute interessieren sich angeblich nicht nur für polnische Internetseiten, z.B., für solche Seiten, die die weißrussische Opposition unterstützen, sondern werden auch selbst aktiv, indem sie beispielsweise auf den Internetseiten großer Portale (wie Gazeta, pl. Onet.pl oder WP.pl) auftreten, wo sie sich als polnische Internetnutzer ausgeben und etwa antisemitische oder derzeit antiukrainische Diskussionen anregen oder bereits im Netz veröffentlichte Texte kompromittierend nutzen.
Das, was uns in der vergangenen Woche passiert ist, könnte aber auf jeden Fall auch einen positiven Effekt haben: unsere Journalistenfreunde in der Ukraine erklären, daß sie von jetzt an vorsichtiger mit Informationen aus russischen Internetportalen umgehen werden.
Wie unsere polnischen Kremlspezialisten sagen, ist noch eines sicher: solche Situationen wird es immer häufiger geben. Ihr Angriffsziel können auch andere polnische Medien sein. Aber auch Organisationen oder Stiftungen, die sich für die Ukraine oder Weißrußland engagieren.
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